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Kurze Einführung in die Lehren der Nyingma-Schule

Jede buddhistische Praxis beginnt mit der Zuflucht zum Buddha, den Lehren des Buddha (Dharma genannt) und zur Gemeinschaft der Praktizierenden (Sangha genannt). Die folgende Darstellung zeigt anhand dieser Formel (die auch das kostbare dreifache Juwel genannt wird) die Verhältnisse in der Nyingma Schule.

Der Buddha
Die Lehren
Die Gemeinschaft

Der Buddha

Im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte im Nordwesten des heutigen Indien, in Kashmir, der große buddhistische Tantriker Padmasambhava. Er übte alle damals bekannten Formen buddhistischer Meditation und verwirklichte die höheren Bewußtseinskräfte (siddhis). In dieser Zeit versuchte der damalige König von Tibet, Trisong Tetsen, den Buddhismus nach Tibet zu importieren. Dies gelang aber nicht, weil der tibetische Adel und vor allem die Anhänger des einheimischen Bön, einer Art magisch-schamanischer Kult mit blutigen Opfern und finsteren nekromantischen Ritualen, starken Widerstand leisteten. Auf Rat des buddhistischen Gelehrten Santarakshita, der damals schon in Tibet anwesend war und ziemlich erfolglos versuchte, die buddhistischen Lehren zu vermitteln, wurde Padmasambhava vom König nach Tibet eingeladen. Er leistete dieser Einladung Folge, unterwarf die lokalen Gottheiten und Geister mit Hilfe der bannenden und kontrollierenden Riten der buddhistischen Tantras, besiegte in magischen Kämpfen, häufig der Bedrohung eines schrecklichen Todes ausgesetzt, die Bön-Zauberer und schuf durch den Bau von Samye, des ersten großen buddhistischen Tempels in Tibet, die stabile Grundlage zur Verbreitung der Geheimlehren der buddhistischen Tantras in Tibet.
Zu diesem Zweck wurden die Lehren auf vielerlei Arten der Mentalität der Tibeter angepaßt, viele Elemente der einheimischen Kulte wurden buddhistisiert und in die Dharma-Praxis integriert. Die Bön-Anhänger paßten ihrerseits ihre Lehren an die buddhistischen Formen an (z.B. durch Abschaffung der blutigen Opfer), so dass das heute noch existierende Bön nur wenig Unterschiede zum tantrischen Buddhismus aufweist. Padmasambhava übte auch die buddhistisch-tantrische Praxis der sexuellen Vereinigung mit der tibetischen Prinzessin Yeshe Tsogyal, die nach langer Schulung schließlich das gleiche Maß an Verwirklichung der Lehren erlangte, wie ihr Meister. Padmasambhava, der von den Tibetern meist Guru Rinpoche, der kostbare Lehrer, genannt wird, gilt als der eigentliche Begründer des tibetischen Buddhismus. Seine Schüler und Schülerinnen (fünf Frauen wurden unter seiner Leitung zu völlig verwirklichten weiblichen Buddhas) schrieben die Lehren auf und übersetzten erstmals die Sanskrit-Texte der Tantras ins Tibetische. Im Unterschied von einer etwa zweihundert Jahre später einsetzenden Periode von Übersetzungen, die die "Neue" (Sarma) genannt wird, heißt diese erste Periode die „"Alte" (Nyingma), woher auch die sich allmählich konstituierende Schule der Yogis und Yoginis, welche nach Padmasambhavas Instruktionen übten, ihren Namen herleitete.
Padmasambhava gilt als der zweite Buddha. Buddha Shakyamuni, der erste Buddha (unseres Zeitalters) begründete die allgemein zugänglichen exoterischen Lehren des Sutra-Weges (Sutra = Lehrrede), Padmasambhava ist der esoterische Buddha, welcher die Geheimlehren enthüllt, die nur von besonders qualifizierten Individuen verwirklicht werden können.



Die Lehren

Padmasambhava hatte selbst acht Hauptlehrer für die inneren Tantras, die sogenannten acht indischen Wissenshalter (Vidyadhara, tib. Rigzin), einige Lehrer für die höchsten verborgenen Lehren der "Großen Vollkommenheit" (tib. Dzog Chen) und etliche Lehrer, darunter auch einige Frauen, für verschiedene andere buddhistische Lehren der Sutra- und Tantra-Wege sowie Lehrer für Medizin, Sprachen und Schriften, Astrologie, Divination und vieles mehr. All diese Lehren wurden in einem mehrere Jahrhunderte dauernden Prozeß kodifiziert und zu den sogenannten Neun Fahrzeugen der Nyingmapas zusammengefaßt. Diese umfassen vom ersten bis zum neunten aufsteigend sämtliche damals im indo-tibetischen Raum bekannten Formen buddhistischer Praxis.
Die ersten drei Fahrzeuge befassen sich mit der Sutra-Stufe, die ersten beiden enthalten die Lehrunterweisungen des historischen Buddha Shakyamuni, das dritte ist das Bodhisattva-Fahrzeug und enthält die Lehren der transzendenten Weisheit (Prajnaparamita) der Erkenntnis der völligen Identität von Leerheit und allumfassendem Mitgefühl, sowie die noch späteren Sutras wie zum Beispiel das Lotus- und das Avatamsaka-Sutra.
Die mittleren drei Fahrzeuge enthalten die sogenannten äußeren Tantras. Einen zentralen Platz in der tantrischen Meditation nimmt das sogenannte "Gottheitenyoga" ein. Die "Drei-Körper-Lehre" spricht von drei Erscheinungsarten eines Buddhas: Dem formlosen Aspekt, dem verkörperten Aspekt und einem „"Körper der Verzückung" genannten Aspekt, dieser tritt in Form der komplexen männlichen und weiblichen Buddhas, die oft auch vielarmig und vielgesichtig sind, dem Übenden entgegen. Durch Visualisation solcher Formen und Rezitation der zugehörigen Mantras werden die Eigenschaften und Fähigkeiten dieser Buddhas aus den tiefer liegenden Schichten des Bewußtseins des Übenden heraufgerufen und erlebbar gemacht. Die korrekte Durchführung dieses Vorgangs erfordert ein fundiertes Verständnis der Grundlehren der ersten drei Fahrzeuge sowie die Einweihung und nachfolgende Betreuung durch einen kompetenten Meister.
Die drei letzten und höchsten Fahrzeuge werden innere Tantras genannt (diese entsprechen ungefähr der Anuttara-Tantra Stufe der anderen drei tibetischen Hauptschulen). Wesentlich bei den Inneren Tantras ist eine Sichtweise, welche sich über die Unterscheidung zwischen rein und unrein erhebt, d.h. alle inneren und äußeren Phänomene werden als rein von Anbeginn erlebt. Daraus folgt, dass die Emotionen von Ich-Anhaftung, Haß, Sinnengier, Stolz und Eifersucht nicht unterdrückt werden dürfen, da sie den eigentlichen Treibstoff darstellen, welcher das Erleuchtungsfahrzeug eines Adepten dieser Stufe antreibt.
In den ersten beiden Abteilungen der inneren Tantras ist die Hauptmethode die Yidam-Praxis, eine Form von Gottheitenyoga, welche bis zur Erlangung der höheren Bewußtseinskräfte beibehalten wird, die Schüler lernen unterdessen, ihre emotionelle Struktur so wie sie ist, als Mittel für den Pfad zu benutzen, ohne irgendwelche Neigungen welcher Art auch immer, zu unterdrücken.
Im Maha-Yoga liegt dabei der Schwerpunkt auf der Erzeugungsphase (tib. kyerim) des Gottheitenyoga, d.h. durch ausgedehnte intensive Praxis, die teilweise in Retreats in der Dauer von zwei Wochen bis drei Monaten und mehr durchzuführen ist, wird die Erscheinung des Yidam solange internalisiert, bis er sich in einem Vorgang der „"instruktiven Vision" selbst offenbart und dem Meditierenden die entsprechenden Kräfte verleiht. Die wichtigsten Yidams dieser Klasse sind die „"Acht Herukas", von denen der prominenteste, auch in anderen Linien geübte, der Yidam des Kontrollierens und Zerstörens von Hindernissen ist, Vajrakila, die Gottheit des magischen Dolchs. Eigentlich sind es neun solcher Yidams, da im Mittelpunkt des Systems eine meist zornvolle Erscheinungsform von Padmasambhava steht.
Im Anu-Yoga steht im Zentrum die Vollendungsphase (tib. dsogrim). Die Übungen dabei zielen auf die Beherrschung des feinstofflichen Energiesystems, bestehend aus dem Zentralkanal, den Seiten- und Nebenkanälen und den Energiezentren (Chakras), den sogenannten „Energiewinden (Sanskr. prana, tib. lung) und den (Bewußtseins-)Essenzen, (Sanskr. bindu, tib. thigle). Ähnlich den in den „"neuen" Schulen gebrauchten „"Sechs Yogas von Naropa" gibt es hier Übungen zur Erweckung des inneren Feuers (tib. tumo), Traumkontrolle, Bewußtseinsübertragung, Lebensverlängerung und vieles mehr. Zu dieser Übungsphase gehört auch die Karmamudra genannte Praxis der sexuellen Vereinigung, bei welcher zwei entsprechend geschulte Übende die äußere Form und das energetische Innenleben eines Yidam aktivieren, der seinerseits aus einer männlichen mit einem weiblichen Buddha vereinigten Form besteht. Dieses soll ohne gegenseitige Anhaftung erfolgen und führt durch Aufhebung der Grenzen zwischen den Beteiligten zur ekstatischen Erfahrung der Ichlosigkeit, genannt "Wonne und Leerheit vereinigt".
Das letzte und höchste der neun Fahrzeuge wird Ati-Yoga genannt, und enthält die Lehren der "Großen Vollkommenheit", Dzog Chen. Die Hauptmethode ist hier nicht Gottheitenyoga, vielmehr gibt es eine Vielzahl von Methoden, die auf der „Einführung in die "Natur des Geistes" basieren, welche den Geist als völlig ident mit dem ursprünglichen Buddha zeigt. Dies kann nicht intellektuell verstanden werden, sondern der Meister führt den Schüler direkt zu der Erfahrung. Dzog-Chen-Lehren sind völlig unabhängig von den anderen Methoden und können an geeignete Personen sofort gelehrt werden.
Ein guter Nyingma-Meister wird immer versuchen, selbst von der nicht-dualen, nicht-unterscheidenden, nicht-bedingten Dzog Chen Stufe ausgehend, den Schüler ohne Erzeugen von Abhängigkeit, ohne Ausschalten seines kritischen Urteilsvermögens und ohne Unterdrückung seiner Emotionen möglichst rasch und effizient an eine möglichst hohe Stufe heranzuführen. Dabei wird er darauf achten, dass berufliche Tätigkeit und die Gestaltung von Liebesbeziehungen in den Pfad integriert werden. Nichts verwerfen, nicht ergreifen, keine Hoffnung, keine Furcht, unendliches Mitgefühl gepaart mit der Anwendung von "geschickten Mitteln", die große geheime Freude der Vereinigung von allem mit allem: das sind die Lehren der Nyingma-Übertragungslinie.



Die Gemeinschaft

Padmasambhava selbst hat keine formal definierte Schule gegründet, er hatte 25 Hauptschüler, fünf Gefährtinnen von denen zwei besonders bekannt und häufig links und rechts von ihm dargestellt sind und eine größere Anzahl weiterer Schüler (im ganzen Bereich Nordindien/ Himalaja/ Tibet). Tantrischer Buddhismus generell ist eine Geheimlehre, die von Meister zu Schüler weitergegeben wird. Der Schüler benötigt für jede tantrische Praxis Einweihung, Ermächtigung (Erlaubnis, einen bestimmten Text zu praktizieren) sowie individuelle mündliche Instruktion. Die Schüler wiederum haben nach langem Bemühen eine gewisse Chance, vom Lehrer für würdig genug erklärt zu werden und dann selbst die Lehren weitergeben zu dürfen. Auf diese Weise bilden sich die sogenannten Übertragungslinien, genaugenommen die "mündliche", "lange" Linie (tib. kama).
Diese Art der Übertragung gibt es in allen tibetischen buddhistischen Linien, die Meister in diesem Sinn werden auch Linienhalter genannt und bilden den Kern der Gemeinschaft. Zu dieser zählen alle Übenden gleicherweise, angesichts der für alle Übenden gleich hohen Anforderungen sollte die Gemeinschaft von Liebe und Freundschaft und hoher gegenseitiger Achtung geprägt sein. Die Schülerinnen und Schüler mit einem schon etwas tieferem Einblick in den Sinn der Lehren sollten auf andere Übende auch bei offensichtlichen schweren Mängeln nicht herabsehen, sondern alle sollten einander gegenseitig helfen. Das Element der Gemeinschaft ist im Buddhismus allgemein sehr wichtig (schon Buddha Shakyamuni hat die große Wichtigkeit spiritueller Freunde betont), im tantrischen Buddhismus hat es eine ganz besondere Funktion. Im Westen wird tibetischer Buddhismus häufig mit Einsamkeit, Isolation, jahrelangem Üben in Zurückgezogenheit assoziiert. Abgesehen davon, dass lange einsame Retreats nicht unbedingt erforderlich sind und auf keinen Fall durch Probleme in der Kommunikation mit anderen motiviert sein dürfen, sind solche Retreats eher für Fortgeschrittene geeignet.
Die Nyingma-Schule begann sich durch die verschiedenen Linienhalter der Schüler von Padmasambhava zu formen, all diese Linien existieren auch heute noch. Es gibt sechs Hauptzentren und eine große Zahl kleinerer Zentren, viele Meister sind im Exil außerhalb Tibets sehr aktiv. Die Nyingma-Anhänger lebten vor allem in den ersten Jahrhunderten mehrheitlich nicht in Klöstern, sondern gründeten Familien und übten normale Berufe aus. Häufig waren es Händler (manchmal sehr vermögende), oft wurden sie auch zur Abhaltung von verschiedenen Riten gebeten, zum Beispiel der Beeinflussung des Wetters oder der Fernhaltung von Seuchen. Es gibt viele Familien, die seit Generationen Nyingmas sind, und es gibt auch viele weibliche Meister. Diese Familienlinien sind auch heute noch aktiv, obwohl klösterliche Institutionen zahlenmäßig eine immer bedeutendere Rolle zu spielen begannen. Die verschiedentlich erhobene Behauptung, daß nur die Nyingmas diese Form der nicht-zölibatären Yogis kennen ist falsch, solche Yogis gibt es in allen Schulen des tibetischen Buddhismus. Falsch ist auch die Aussage, dass diese Personen an einer bestimmten Kleidung kenntlich sind. Aus unerfindlichen Gründen hat sich im Westen die Meinung gebildet, dass alle tibetischen Meister in roten Roben Mönche sind, was aber oft nicht der Fall ist. In der Nyingma-Tradition spielen Frauen eine wesentlich größere Rolle als in den viel mehr Männer-klösterlich orientierten anderen tibetischen Schulen (das ändert sich jetzt aber seit der Übertragung der Lehren im Westen bzw. es sollte sich ändern).
Eine besonderes, hauptsächlich bei den Nyingmas zu findendes Merkmal ist eine andere Form der Übermittlung der Lehren als die eben genannte mündliche: die so genannte Schatz-Tradition. Diese "Termas" genannten Schätze können Texte sein die von Padmasambhava oder Yeshe Tsogyal zum Nutzen späterer Generationen versteckt wurden. Jahrhunderte später wurden diese Texte dann in Höhlen oder im Inneren von Statuen gefunden, die Finder nennt man Tertöns. Dadurch wird die Übertragungslinie immer wieder erneuert, man nennt das auch "kurze Linie". Auch im 20. Jahrhundert wurden noch solche Schätze entdeckt. Es gibt auch "Geistschätze" die im Geist bestimmter Schüler Padmasambhavas versteckt wurden, woran sich diese in späteren Inkarnationen wieder erinnern sowie die "Übertragung durch reine Vision" und vieles mehr. Eine gute Einführung in dieses Thema gibt das Buch "Die verborgenen Schätze Tibets" von Tulku Thöndup. Tertöns sind nicht nur unter Nyingmas zu finden, z.B. praktizieren die Drikung-Kagyüpas (eine der weniger bekannten Kagyülinien) ein Terma, welches von einem Drikung Lama entdeckt wurde.





Yeshe Tsogyel, Meisterin der inneren Tantras



Der Buddha
Die Lehren
Die Gemeinschaft


Zur Tradition der nördlichen Schätze (welche besondere Bedeutung für die Nyingma Gruppe Ö. hat) zwei Texte von Martin Boord:

Die Tradition der Byangter oder nördlichen Schätze (kurze Version)

Ein Bericht über den Ursprung und die Entwicklung der Byang-gter- oder Nördlichen Schätze-Tradition (lange Version)