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Buddhistisches Tantra
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Was ist buddhistisches Tantra?
Buddhismus ist eine Lehre und ein Übungsweg, der das Ziel der Befreiung vom Leiden hat.
Buddhismus ist keine Religion in dem Sinn, wie das im Westen meistens verstanden wird: Eine
göttliche Offenbarung mit festgelegten Glaubensinhalten und höheren Wahrheiten, die sich nur dem
Gläubigen erschließen. Die buddhistische Praxis führt zu einer Reihe von
Erfahrungen, die in den verschiedenen Stadien der Erleuchtungserfahrung
gipfeln. Ein Buddhist muß nichts glauben, aber er braucht ein gewisses
Vertrauen in die grundlegenden Aussagen der Lehre und den Sinn der Übun- gen,
um mit dem Übungspfad beginnen zu können. Buddhismus ist keine
feststehende Lehre oder Tradition, sondern hat sich im Lauf der Zeit und aus
Notwendigkeit der Anpassung an verschiedene Kulturen und Mentalitäten immer
weiter entwickelt. Die Vielzahl der buddhistischen Schulen kann man grob in
drei Klassen einteilen:
Hinayana, das "kleine Fahrzeug" (es gibt auch andere Bezeichnungen) fasst die
Methoden zusammen die der historische Buddha Shakyamuni gelehrt hat. Der
Schwerpunkt liegt auf der Erlösung vom Leiden für den Praktizierenden selbst.
Heute unter verschiedenen Bezeichnungen, vor allem Theravada vor allem in Sri
Lanka, Thailand und Burma. Die für diese Richtung grundlegende Quelle ist der
umfangreiche Pali-Kanon, der unter anderem die Lehrreden von Buddha Shakyamuni
enthält.
Mahayana, das "große Fahrzeug", begann sich etliche Jahrhunderte nach dem Tod des Buddha
Shakyamuni zu entwickeln. Der Schwerpunkt liegt auf der Erlösung vom Leiden für alle fühlenden
Wesen (nicht nur Menschen, auch Tiere, Gottheiten, Geister usw.)
Dementsprechend ist die tragende Säule des ganzen Mahayana die Entwicklung
des allumfassenden Mitgefühls und des Wunsches, zum Wohl aller Wesen das
Stadium der Buddhaschaft erlangen zu wollen. Die Quellen dieser Lehren sind
die Mahayana-Sutras, Lehren die der Buddha in verschiedenen höheren
Bewußtseinsdimensionen für geeignete Schülerinnen und Schüler offenbart
hat. Heute gibt es eine große Zahl von Schulen, die meistens auf einem oder
mehreren dieser Sutras beruhen. Diese Schulen haben vor
allem in China und Japan Fuß gefasst, die im Westen bekannteste Richtung ist
der Zen-Buddhismus.
Vajrayana, das "Diamantfahrzeug", ist die
geschichtlich gesehen jüngste Entwicklung des Buddhismus. Es hat sich (wie
auch das Mahayana) zunächst in Indien entwickelt. Ab 750 n. u. Z.
kam es zu ausgedehnten Reisen verschiedener tantrischer Meister in das
Himalaja-Gebiet (auch nach China, Japan, Indonesien), später auch zu Reisen
von Yogis aus diesen geografischen Räumen nach Indien. Auf diese Weise wurden
die Vajrayana-Lehren in ganz andere Kulturen integriert,
besonders im Himalaja-Raum (Tibet, Nepal, Bhutan, Sikkhim etc.) konnten sich
die Lehren halten.
Aus diesem Grund ist die heute häufige Bezeichnung "tibetischer
Buddhismus" nicht zutreffend, da es sich um eine indische Entwicklung
handelt, die an die spezifischen tibetischen Verhältnisse angepasst wurde.
Im Westen ist es erforderlich, vom Kern der Vajrayanalehren ausgehend, einen
Modus der Anwendung dieser Lehren im Westen zu finden. Mit der bunten Welt
der tibetischen Folklore hat das nichts zu tun. Tibet ist nicht zuletzt
durch etliche Hollywoodfilme derzeit sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit,
das Bild, das in diesen Filmen vermittelt wird, sagt nichts (wirklich gar
nichts!) über die Methoden und Anforderungen der Vajrayana-Praxis im Westen.
Das Vajrayana wird als tantrischer Buddhismus bzw. als buddhistisches
Tantra (es gibt auch ein hinduistisches Tantra) bezeichnet.
Tantra-Buddhismus ist nicht unabhängig vom Sutra-Buddhismus (= Hinayana und Mahayana)
oder gar gegensätzlich dazu, sondern baut auf diesem auf!
Drei Säulen jeder buddhistischen Praxisrichtung:
- Ethik, sittliches Verhalten
- Meditation: Die eigentlichen Übungen
- Wissen/Weisheit: Hat nicht nur etwas mit dem intellektuellen Studium der
Lehren zu tun, sondern bezieht sich auf die Entfaltung der sogenannten
Sichtweise, das ist eine Beschreibung der Erfahrung der jeweiligen Stufe.
Zum Beispiel wird schon im Hinayana die ganze phänomenale Welt als
vergänglich und ichlos erfahren.
Grundlegende Lehren des buddhistischen Tantra
Im Gegensatz zum Sutra-Buddhismus ist buddhistisches Tantra eine Geheimlehre, die
ausschließlich persönlich vom Meister / der Meisterin an den Schüler / die
Schülerin weitergegeben wird. Das heißt auch, der Schüler muß dem Lehrer
persönlich als solcher bekannt sein. Es gibt zwar allgemeine Instruktionen,
die mehr oder minder öffentlich gegeben werden können, entscheidend sind jedoch
die völlig individuellen, an die emotionelle und intellektuelle Struktur
des Schülers angepassten Übungsunterweisungen, die der Meister nur dem
betreffenden Schüler gibt, wenn dieser darum ersucht. Eine tantrische
Unterweisung ohne Lehrer-Schüler-Beziehung gibt es nicht. Aus genau
diesem Grund wird der Meister so besonders in den Mittelpunkt gestellt, nicht
weil es sich um einen Personenkult handelt, oder darum irgend jemand als
"erleuchtet" zu betrachten, ohne ihn näher zu kennen.
Tantra ist ein sehr schneller, sehr intensiver Weg, der das ganze geistige
Potential des Übenden vollständig entwickelt. Persönlicher Einsatz, Hingabe, Mut,
Ausdauer müssen aufgebracht werden bzw. werden mit den tantrischen
Meditationen erst entwickelt. Die wichtigste tantrische Meditation
wird häufig etwas mißverständlich als Gottheitenyoga bezeichnet. Diesem liegt
die Lehre von den drei Körpern des (männlichen oder weiblichen) Buddha
zugrunde:
Der Dharmakaya ist der form- und eigenschaftslose, durch alle
Phänomene gleicherweise hindurchgehende "Körper", der im
Erleuchtungszustand eines Buddha direkt erfahren werden kann. Man könnte ihn
mit einem unmittelbaren Wahrnehmen der atomaren oder subatomaren Ebene
vergleichen, einer Ebene wo es keine individuellen Merkmale mehr gibt
(schließlich tragen die Atome, aus denen wir bestehen, nicht unseren Namen).
Der Sambhogakaya ist eine Art "astrale Form" des Buddha, eine
Wesenheit, die ziemlich genau in der Mitte zwischen Visualisation und
Verkörperung liegt. Die zahlreichen komplizierten Buddhas
in verschiedenen Farben, manchmal vielgesichtig, vielhändig, in sexueller
Vereinigung befindlich, tanzend, friedlich, erschreckend, welche auf den
Bildern der tibetischen sakralen Kunst oft in großer Vielfalt zu sehen sind,
gehören hier her.
Der Nirmanakaya ist der verkörperte Buddha selbst, da das
buddhistische Tantra definitionsgemäß zur Erlangung der Buddhaschaft in
einem Leben führt, wird der völlig verwirklichte Meister
als Nirmanakaya betrachtet.
Gottheitenyoga besteht immer aus zwei Phasen:
Erzeugungsphase: Der Meditierende visualisiert sich selbst als eine der
Formen des Buddha. Als Konzentrationshilfsmittel wird oft auch noch ein
Mantra verwendet. Das ist eine Lautformel, die
die Essenz der Gottheit auf der Ebene des subtilen Tons darstellt. Die
Visualisationen der Erzeugungsphase sind manchmal sehr komplex und müssen lange
geübt werden, bis sie ohne Anstrengung im Geist erschaffen werden können.
Vollendungsphase: Der Meditierende aktiviert das "Innenleben" der Gottheit,
vor allem den etwas vor der Wirbelsäule verlaufenden Zentralkanal und die
Chakras, die feinstofflichen Energiezentren. Die Übungen dieser Phase
werden besonders geheimgehalten und nur entsprechend vorbereiteten Schülern
mündlich mitgeteilt. Das hängt damit zusammen, daß ein Üben in dieser Phase
ohne kompetente Anleitung verschiedene Gefahren für den Schüler birgt.
Der Schlußteil der Vollendungsphase führt über verschiedene Stadien
ekstatischer Erfahrungen zur Entwicklung von Siddhis, das sind höhere
Bewußtseinskräfte, und schließlich zur Erleuchtungserfahrung, in diesem
Zusammenhang oft Mahamudra genannt.
Ein besonderes Merkmal der höheren Tantras ist es, dass die
Sichtweise frei von der Unterscheidung zwischen rein und unrein ist. In der
Praxis bedeutet das: jede Tendenz des Willens, jede Emotion,
jede Richtung des Denkens kann von einem geschickten
Lehrer in ein Mittel umgewandelt werden, um Erleuchtung zu erlangen, nichts
muß unterdrückt werden, nichts muß aufgegeben werden.
Drei Vorbedingungen jeder tantrischen Praxis:
- Einweihung durch
einen qualifizierten Meister. Diese bringt die anwesenden Schüler auf
subtile Weise in Kontakt mit dem Buddhaaspekt, auf den sich die Einweihung
bezieht. Ein Same wird gelegt, der nur weiterwächst, wenn die
entsprechende Übung ausgeführt wird.
-
Ermächtigung: Meist durch Vorlesen des Praxistextes wird der Schüler
ermächtigt, die zu dieser Einweihung gehörige Praxis durchzuführen.
- Mündliche Unterweisungen: Es erfolgen Erklärungen über
die Praxis, die im Laufe der Übung dann je nach den Erfordernissen des
Schülers ergänzt werden.
Alle drei Vorbedingungen haben eine enge Verbindung zur
sogenannten Übertragungslinie: Der Meister hat dies alles von seinem Meister
erhalten, dieser wiederum von seinem Meister usw. viele
Jahrhunderte zurück. Am Anfang stehen die Mahasiddhas, welche das
buddhistische Tantra entwickelt haben bzw. die Buddhas selbst in ihren
vielfältigen Erscheinungsformen.
Schulen des Tantra:
Buddhistisches Tantra wird keineswegs nur in Tibet überliefert sondern zum
Beispiel in Japan (Shingon) oder in Russland (die Kalmücken in der Nähe des
Kaspischen Meeres pflegen seit Jahrhunderten tantrischen Buddhismus). Am
bekanntesten und im Westen aktivsten sind jedoch die in Tibet und den
Nachbarländern etablierten Schulen. Die grundlegende philosophische Sichtweise
aller Tantra-Übertragungslinien ist ein und
dieselbe. Infolgedessen ist eine sektiererische Sichtweise, ein Bewerten
der verschiedenen Linien nach gut und schlecht, keineswegs angebracht. Man
kann ohne weiteres zwei oder mehr Schulen gleichzeitig angehören. Jede
einzelne Praxismethode hat ihre eigene Übertragungslinie. Man unterscheidet
vier Hauptschulen und eine große Anzahl von
Nebenschulen oder kleineren Übertragungslinien, eine solche kann sogar nur aus
einer einzigen Person bestehen. Die Vier Hauptschulen sind die Nyingmapa,
Saskyapa, Kagyüpa und Gelugpa.
Rote Erscheinungsform von Avalokitesvara in Vereinigung mit seiner
Gefährtin.
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