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Schützer der Lehren? Der Dorje Shugden Kult"We believe that Dorje Shugden is a buddha who is also a dharmapala”" Geshe Kelsang Gyatso in einem Interview mit der Zeitschrift Tricycle Mit Befremden verfolgen Buddhistinnen und Buddhisten im Westen die Diskussion um Dorje Shugden. Ein Thema gewinnt öffentliche Relevanz, dessen Bedeutung auch in Kreisen von Übenden der verschiedenen Formen des tibetischen Buddhismus (vajrayana) in seiner Bedeutung keineswegs klar ist, noch weniger klar – um nicht zu sagen umdüstert von geisterhaften Nebeln – ist es für den typischen Zen- oder Theravada-Übenden. Das Thema ist wahrhaft kompliziert und kann in seiner praktischen Auswirkung nur von langjährigen Vajrayana-Übenden erfahren werden, von tantrischen Yoginis und Yogis eben, welche die Praktiken der Schützer der Lehren, fortan mit dem Sanskrit-Begriff dharmapalas genannt, selbst üben und bis zu einem gewissen Ausmaß auch verwirklicht haben. Vajrayana ist trotz scheinbar großer Anhängerscharen im Westen nach wie vor eine Geheimlehre, die ausschließlich im persönlichen, intensiven langjährigen Kontakt von Meister zu Schüler weitergegeben wird. Die “Geheimnisse” beziehen sich auf innere Erfahrungen, nicht auf Informationen! Auch im Urbuddhismus und in den späteren Entwicklungen des Mahayana geht es immer um die innere Erfahrung des Übenden. Einem Menschen, der Meditation ablehnt, kann man nur schwer schildern, was für innere Erfahrungen durch Meditation gewonnen werden können, man kann immer nur sagen – wie es auch schon Buddha Shakyamuni getan hat – “Probier es aus, dann wirst du es selbst sehen”. Die Meditationsmethoden sind bekannt, jeder kann sie üben und sehen, welche Erfahrungen daraus resultieren. Vajrayana ist ein Stufenweg (man unterscheidet je nach Schule vier oder sechs “Klassen” von Tantra, deren Schwierigkeitsgrad ansteigt). Die Methoden der untersten Tantraklassen sind zwar wie alles im Vajrayana an die Einweihung und Ermächtigung durch einen Meister gebunden, sie genießen aber im Westen schon große Bekanntheit. Millionen von Buddhistinnen und Buddhisten im Westen üben etwa mit Hilfe des Mantras Om Mani Padme Hum die Identifikation mit dem Bodhisattva des Mitgefühls. Die höheren Tantraklassen werden prinzipiell geheimgehalten und nur Übenden offenbart, die erfolgreich durch eine strenge Auswahlprozedur hindurchgegangen sind. Warum ist das so? Weil die Übungen der höheren Tantras sehr leicht für egoistische Zwecke mißbraucht werden können und weil sich der Übende ohne kompetente Leitung auch leicht durch die erweckten Energien selbst gefährden kann. Übungen, welche die Dharmapalas betreffen, sind fortgeschrittenen Schülern bzw. den Meistern selbst vorbehalten, sie gehören meistens den höheren Tantras an. In typischen westlichen Vajrayana-Gruppen kommen zwar Gebete und Opfer-Rituale an die Dharmapalas vor, aber das ist nicht die eigentliche Schützerpraxis, welche die sogenannten “magischen Aktivitäten” der Dharmapalas manifestiert. Womit wir gleich bei einer ersten Merkwürdigkeit der Schüler von Geshe Kelsang Gyatso (der sogenannten “Neuen Kadampa-Schule”) wären: Schon bei der Zufluchtnahme werden die Schüler mit der Dorje-Shugden-Praxis konfrontiert und dazu angehalten, diese fortan täglich zu üben. Das ist absolut ungebräuchlich, denn keine einzige Überlieferungslinie buddhistischer Tantras stellt die Schützerpraxis von Anfang an derart in den Mittelpunkt. Was sind nun diese Schützer der Lehren? Sind es Geister, die über irgendeine Hintertür Eintritt in die Dharma-Praxis gefunden haben? Welchen Sinn hat ihre Praxis? Ist Dorje Shugden, der das grelle Licht westlicher Medien nun auf Eigentümlichkeiten des Vajrayana gelenkt hat, ein Schützer? Eine der Hauptmethoden des Vajrayana wird mit einem mangelhaften, aber mittlerweile im Westen gebräuchlichen Begriff als “Gottheitenyoga” bezeichnet. Es handelt sich dabei um Visualisationen von männlichen und weiblichen Buddhas, die spezielle Formen annehmen, oft mehrgesichtig, mehrarmig, mit verschiedenen Instrumenten in den Händen, manchmal sitzend, manchmal tanzend, manchmal in erotischer Vereinigung. Ohne jetzt auf Sinn und Details dieser Figuren einzugehen, müssen zwei Dinge ganz klar verstanden werden: Erstens sind diese Formen Buddhas oder Bodhisattvas, es sind keine Geister, Gottheiten oder sonstige nicht-erleuchtete Wesen (erinnern wir uns, daß schon im Pali-Kanon Buddha Shakyamuni als Lehrer der Götter und Menschen tituliert wird!). Zweitens sind diese Formen Methoden der Buddhas; sie erscheinen, um spezifischen Wesen spezifische Lehren zu geben. Kein Übender dieser Dinge wird jemals behaupten, der dreiköpfige, sechsarmige rote Hayagriva existiere genauso wie Lieschen Müller! Im weithin bekannten tibetischen Totenbuch heißt es beinahe auf jeder Seite: “Erkenne, daß alle diese Formen Schöpfungen deines eigenen Geistes sind.” Allerdings ist an dieser Stelle zu bedenken, daß auch Lieschen Müller eine solche Schöpfung ist, wenn auch eine etwas festgefügtere! Es handelt sich keineswegs um bloße Imagination (schließlich ist ja der historische Buddha auch keine Imagination, es gibt schon im Urbuddhismus Visualisationsübungen wie die “Betrachtung des Buddha”, eines der 40 Übungsobjekte), sondern um wirkmächtige Wesenheiten, deren Wirkungen jedoch nur von den entsprechenden Übenden erfahren werden. Es handelt sich auch nicht um feste materielle Formen. Irgendwie liegen diese merkwürdigen Wesen genau in der Mitte zwischen Imagination und “Realität”. Wir finden solche Vorstellungen weltweit in den verschiedensten okkulten magischen religiösen Systemen. So lehrt etwa die Kabbala, die ebenfalls von Mund zu Ohr übertragene Geheimlehre der jüdischen Mystik, eine von einem formlosen Bereich beginnende, immer dichter werdende Entfaltung der Gottheit, die Endpunkt (in gewissem Sinn der Totpunkt) dieser Entwicklung ist und dann im Reich der gewöhnlichen Materie erreicht. Die vielen Zwischenstufen, die Engelhierarchien der Kabbala, entsprechen den vielgestaltigen tantrischen Buddhaformen, der formlose Bereich entspricht dem dharmakaya, der form- und eigenschaftslosen, alldurchdringenden Essenz, deren völlige Erkenntnis ein Wesen zum Buddha macht. (Mit diesem Vergleich will ich in keiner Weise eine Ähnlichkeit zwischen dem buddhistischen und dem jüdischen System postulieren, aber das ist ein anderes Thema; hier geht es um eine Ähnlichkeit der Strukturen in den Denk- und Erfahrungsweisen westlicher Mystiker und östlicher Yogis.) In den Biographien vieler Meister der buddhistischen Tantras finden wir immer wieder die gleiche Geschichte in hunderten Variationen: Der Meister wird in seiner Meditation von einem Naturgeist, einem elementaren oder planetaren Dämon oder einer Gottheit eines nicht-buddhistischen Kults empfindlich gestört. Er wird behindert, bedroht, ja, oft versucht die feindliche Wesenheit sogar, den Meister zu töten. Dieser nimmt nun die Form eines tantrischen Buddha an, bezähmt und unterwirft das Wesen und läßt es den Eid schwören, fortan die buddhistischen Lehren zu schützen. So entsteht ein wirklicher Dharmapala, ein Lehrbeschützer: Er ist eine umgewandelte negative geistige Energie. Die grundlegende Aggression (oder Gier, Stolz usw.) wird nicht zerstört, sondern integriert, was wieder der generellen Methode der buddhistischen Tantras entspricht. Es spielt bei diesem Verfahren überhaupt keine Rolle, ob es Geister wirklich gibt oder ob es sich dabei um Vorgänge handelt, die sich ausschließlich im Inneren des Übenden abspielen! Auf jeden Fall findet eine Umwandlung in etwas Nutzbringendes statt. Die Praxis dieser Schützer wird dann genauso wie die Methoden des Gottheitenyoga an die Schüler weitergegeben, oft über viele Jahrhunderte hinweg. Besonders berühmt für diese Methoden der Dienstbarmachung schädlicher Kräfte war der kaschmirische Tantriker Padmasambhava, der als erster buddhistische Tantras nach Tibet brachte und der schon während der Reise dorthin und dann in Tibet selbst eine sehr große Zahl von lokalen Gottheiten und Geistern unterwarf. Die Schützer können auch ihre oft sehr großen Kräfte behalten, sie werden nur für andere Ziele eingesetzt. So wird etwa eine der vielen Formen des hinduistischen Shiva als mahakala (wörtlich “der große Schwarze”), ein bedeutender und in vielen Formen tradierter Schützer der buddhistischen Lehren, in die Vajrayana-Praxis integriert. An diesen Geschichten ist deutlich die nachgeordnete, dienende Funktion der Schützer zu erkennen. Sie stehen nie an erster Stelle der Praxis. Genau wie ehemals der unterwerfende Meister muß auch der Dharmapala-Praxis-Übende in der Annahme einer tantrischen Buddha-Form schon recht geübt sein, um den Schützer an seine Eide zu erinnern und ihn zur Ausführung verschiedener Handlungen zu bewegen, etwa den Lebensunterhalt des Yogi zu sichern, seinen guten Ruf zu erhalten oder ihm feindlich gesinnte Menschen zu besänftigen usw. Derartige Formulierungen kommen in den Dharmapala-Praxis-Texten sehr häufig vor. Darum ist es ein ziemlich gefährlicher Humbug, Anfänger zum Spiel mit diesen Kräften zu zwingen, denn sie können diese Kräfte nicht meistern und werden selbst zum Spielball, zum passiven Medium des Schützers. Ist Dorje Shugden überhaupt ein Schützer? Natürlich kann man auch in einen Dämon einen Bodhisattva projizieren. In gewisser Weise sind alle Wesenheiten, die Vajrayana-Methoden darstellen, wie Spiegel, die einfach das zurückgeben, was der Praktizierende in sie hineinlegt (wodurch er meist recht schnell lernt, “heilsame Dinge” hineinzulegen, denn sonst bekommt er rasch Probleme!). Theoretisch kann ein routinierter Tantriker fast alles üben, ohne dadurch in Gefahr zu geraten. Die Praxis sieht derzeit allerdings anders aus: Tausende Europäer und Amerikaner projizieren ihre Dämonen, ihr Klammern an Ansichten und “Wahrheiten”, ihren Glauben an die überlegene Reinheit ihrer “Linie”, ihre sektiererische Haltung, die nicht in der Lage oder willens ist, andere Dharmaformen zu respektieren, in eine Wesenheit äußerst dubiosen Ursprungs und äußerst schlechter Auswirkung auf die Gemeinschaft der Buddhisten. Wie der Artikel von Stephen Batchelor zeigt, beschützt Dorje Shugden nicht nur speziell Gelug-Anhänger, wogegen nichts zu sagen wäre, er “beschützt” die Gelugs sogar vor anderen Buddhisten bzw. anderen buddhistischen Lehren! Mit anderen Worten: Diese Energie spaltet die Vajrayana-Buddhisten in Gelugs und Nicht-Gelugs – eine verhängnisvolle und absolut abzulehnende Entwicklung. Hier liegt der Grund für das Verbot des Dalai Lama, diesen Kult auszuüben, weil er dem Spaltpilz der sektiererischen Unterscheidung einen günstigen Nährboden bietet. (Er hat diese Praxis nur seinen Schülern verboten, und das ist sein gutes Recht; über andere hat er in Wirklichkeit keine faktische Macht.) Es ist einfach nicht wahr, daß es unmöglich oder gar gefährlich ist, die Lehren verschiedener tantrischer Überlieferungslinien zu “mischen”. Viele große Meister gehören zwei oder mehr Schulen an; viele alte Prophezeiungen besagen, daß der Dharma nicht durch äußere, sondern durch innere Ursachen degeneriert, wobei die Spaltung in konkurrierende Richtungen, die keine “Mischungen” zulassen wollen, häufig sowohl als Ursache als auch als Merkmal für eine derartige Degeneration gilt. Wirkliche Schützeraktivität behütet das kostbare dreifache Juwel von Buddha, Lehre und Gemeinschaft als ungeteiltes Ganzes, jegliche anderen Behauptungen sind Lügen und Verdrehungen der Lehren. Ein Aspekt, der im Westen beim Thema Schützer fast nie angesprochen wird (meines Wissens hat sich nur Chögyam Trungpa so geäußert): Naturgemäß sind Schützer umgewandelte lokale Energien, zum Beispiel tibetische Berggottheiten. Im Westen treten andere störende Energien auf, die bezähmt und integriert werden müssen. Es genügt nicht, einfach die tibetischen Praxisformen zu übernehmen, vor allem dann, wenn es sich um eher lokal wirksame Kräfte handelt. Es wäre eine langfristige Aufgabe der Yoginis und Yogis in Europa und Amerika, negative geistige Wesenheiten, die oft jahrhundertelang bewußt oder unbewußt genährt wurden und die sich, bedingt durch westliche Religion, Kultur, Philosophie, Wissenschaft und natürliche Umwelt, ganz anderes offenbaren, umzuwandeln, zu integrieren und nutzbar zu machen. Diese Arbeit steht erst ganz am Anfang, die Hinlenkung bzw. die Zurücklenkung des Blicks auf personifizierte tibetische Übel erfüllt die Ansprüche einer zynischen, neuerdings tibet- und buddhismusgeilen Medienwelt, für den Praktizierenden ist sie kontraproduktiv. Eine kritische und ausführlliche Webseite über die Geschichte und Vorgangsweies der Neuen Kadampa Tradition |