Anuttara Tantra









Vajrakila



Bild: Himalayan Art

Viele Biographien früher Meister (z.B. die 84 Mahasiddhas) berichten uns, daß der Schüler vom Meister eine einzige Praxis erhielt - häufig, aber nicht immer, eine Yidam-Praxis - und mit Hilfe dieser Praxis dann nach kurzer oder auch langer Zeit zur Verwirklichung der Lehren gelangte. Padmasambhava erhielt von den acht indischen Wissenshaltern acht Yidam-Praxis-Systeme übertragen. Seine Biographie macht jedoch deutlich, daß er vor allem in der Zeit in Tibet sehr oft Vajrakila praktizierte. Auch Yeshe Tsogyel war eine bedeutende Vajrakila-Übende. In ihrer Biographie heißt es, daß sie nach der Einweihung bis zu ihrem Lebensende die Vajrakila-Sadhana dreimal am Tag und dreimal in der Nacht übte. Vajrakila steht unter den fünf Buddhaaspekten Körper, Rede, Geist, Qualität und Aktivität vor allem für die Aktivität. In allen seinen Anrufungen wird er als zornvolle Gottheit der Buddha-aktivität tituliert. Unter Aktivität in diesem Zusammenhang werden die sogenannten vier magischen Buddhaaktivitäten verstanden, diese werden auch mit vier Farben symbolisiert:

Weiß - beruhigend
Gelb - vermehrend, bereichernd
Rot - faszinierend, kontrollierend
Schwarz - zerstörend

Bei Vajrakila liegt das Gewicht besonders auf der roten und schwarzen Aktivität. Dem entsprechend wurde die Praxis von Padmasambhava und vielen anderen Meistern zum Kontrollieren von Hindernissen eingesetzt. Vajrakila ist in alle vier tibetischen Schulen allmählich eingesickert. Er gilt nicht nur bei den Nyingmas, die seine Praxis besonders pflegen, sondern auch in den Sakya-, Kagyü- und Gelug-Linien als Verkörperung der Buddha-aktivität zum Kontrollieren und Entfernen von Hindernissen, sowohl innerer als auch äußerer Natur. In der Praxis hat man mit den Hindernissen, die in den eigenen Anhaftungen und Schwächen liegen weitaus länger und mehr zu tun als mit dem Unterwerfen von Lokalgottheiten, wie es Padmasambhava und viele andere verwirklichte Meister vorgelebt haben.
Ein Zitat aus der Autobiografie eines großen Kila Meister des 20. Jahrhunderts sagt es deutlich:

"The meditational deity Vajrakila is a wrathful expression of compassion and wisdom. The practitioner adopts the indomitable attitude of Vajrakila and uses the skills of meditation and ritual to purify completly the poisons of anger, grasping, ignorance, jealousy and pride. When these inner poisons are removed, their outer reflections as enemies, illness and the bad circumstances of ordinary experience are also removed."

(Chagdud Tulku, Lord of the Dance, deutsch: Chagdud Tulku, Der Herr des Tanzes)

Von den sechs Armen Vajrakilas rollen die zwei Hauptarme in der Mitte den Kila (tib. Phurba), jenes Instrument, das zum Aufspießen der hindernden Dämonen dient. Es besteht ein enger Zusammenhang zu Dorje Drolod, eine zornvolle Erscheinungsform von Padmasambhava, der den Phurba in seiner Linken schwingt, und zur speziellen Linie der nördlichen Schätze (Byangter) in denen besonders viele und umfangreiche Kila-Praktiken enthalten sind.

Es gibt drei Mandalas von Vajrakila:

Das Dharmakaya-Mandala ist ident mit der zentralen Gottheit mit sechs Armen, drei Gesichtern, in Vereinigung mit der Yum Triptachakra.

Das Sambhogakaya-Mandala besteht aus zehn Emanationen der zentralen Gottheit, ebenfalls dreigesichtig und sechsarmig, aber in verschiedenen Farben und mit anderen Hand-Attributen (oder in vereinfachten Formen), zwanzig tierköpfigen Emanationen, den vier oder fünf "Höchsten Söhnen", Emanationen mit einem Phurbuförmigen Unterleib, vier Torhüterinnen, 12 speziellen Phurbu-Schützerinnen und so weiter.

Das Nirmanakaya-Mandala besteht aus den materiellen Phurbus (den Ritualinstrumenten), das ist eine spezielle Besonderheit der Kila-Lehren. (Nirmanakaya sind normalerweise Menschen aus Fleisch und Blut).


Es gibt vier Arten der Vajrakila-Praxis:

1. Der Kila der Weisheit-Bewußtheit
ist frei von jeglicher Dualität, es gibt nichts, was zu beseitigen wäre, er entspricht der Ebene von Dzogchen. Dieser Kila ist nicht als "letzte Offenbarung" zu verstehen, vielmehr entspricht er der nondualen Sichtweise, welche den Pfad von allem Anfang begleitet. (Man nennt das "Das Ziel auf dem Pfad mitnehmen"). Es ist ein grundlegender, häufig anzutreffender Irrtum, dass durch viele Mantrarezitationen, durch Vertrauen in den Lama und so weiter die Leerheit bzw. die nonduale Sichtweise automatisch verstanden wird. Vielmehr muss ein solches Verständnis bereits durch entsprechende Übung (z. B. die "Drei Samadhis") des Weisheitsaspekts gegeben sein, um den Methodenaspekt (Mantras, Visualisationen) korrekt anwenden zu können. Die Ermächtigung zu diesem Kila erfolgt durch die 4. Einweihung, die "Kostbare Wort-Einweihung".

2. Der Kila des ausgestrahlten Mitgefühls
entspricht der Erzeugungsphase und der Projektion des Mitgefühls in die fühlenden Wesen. Die Übung besteht in der Selbstvisualisation als Vajrakila und Mantrarezitation, später in der Erzeugung des ganzen Kila-Mandalas, wodurch die gesamte Erfahrung transformiert wird. Der Ermächtigung zu diesem Kila erfolgt durch die Vaseneinweihung.

3. Der Kila des geheimen Bodhicitta
entspricht der Vollendungsphase mit Aktivierung des Zentralkanals und der Chakras (die Praxis der oberen Tore) sowie der Praxis der sexuellen Vereinigung (Karmamudra, Praxis des unteren Tores). Die Karmamudra-Praxis kann eventuell auch in einer für die Kila-Lehren spezifischen Weise zur Kontrolle von Hindernissen genutzt werden, dies wird "Vereinigung und Schlagen" genannt. Die Ermächtigung zur Praxis der oberen Tore erfolgt durch die "Geheime Einweihung", zur Praxis des unteren Tores durch die "Weisheits-Bewusstheitseinweihung"

4. Der materielle Kila
ist mit den so genannten niederen Riten des Zerstörens von Hindernissen verbunden. Dabei wird das Hindernis als Dämon personifiziert, in einen Ersatz-Gegenstand gezwungen und getötet (wobei das Bewußtseinsprinzip der Entität wie beim Phowa befreit wird!). Es gibt dazu hunderte Details, ein Erfolg in diesen Riten erfordert als Grundlage ein Resultat in der Erzeugungsphase. Im materiellen Kila, auch Kila der niederen Riten genannt, lebt die ursprüngliche schamanisch-magische Tradition des Entfernens von Hindernissen in einer buddhistisierten Form fort. Die Ermächtigung dazu wird bei einer vollständigen Kila-Einweihung immer zusätzlich gegeben.


Durch eine vollständige Kila-Einweihung (diese kann in kurzer und verschiedenen längeren Formen gegeben werden) sind die Initiierten zur Praxis aller vier Arten des Kila ermächtigt, es sind keine weiteren Einweihungen erforderlich, allerdings sind weitere mündliche Instruktionen und der Kontakt mit Kila-Praktizierenden unverzichtbar, nur mit einem Sadhana-Text ausgestattet (der sich meistens nur auf die Erzeugungsphase bezieht) wird es schwer möglich sein, die Resultate tatsächlich zu erfahren.


Ich befasse mich schon seit vielen Jahren mit der Vajrakila-Praxis und habe seit 1999 abgesehen von meinen eigenen Einzelretreats einmal im Jahr ein einwöchiges Kila-Gruppenretreat veranstaltet. Diese Retreats waren auch immer mit Erklärungen zur Praxis verbunden, deren Schwerpunkt von Jahr zu Jahr wechselte. Diese Erklärungen beruhen auf Einweihungen, Textermächtigungen und mündlichen Instruktionen aus folgenden Kila-Traditionen:
  • Drikung Kagyü (der Gründer, Jigten Sumgon, hat die Übertragung der acht Herukas von einem Nyingma Meister erhalten. Außerdem hat der große Drikung Meister Rinchen Phuntsog ein Terma entdeckt, das Yang Zhab)
  • Schätze von Dudjom Lingpa bzw. S. H. Yigdral Yeshe Dorje (Dudjom Rinpoche), das Dudjom Tersar
  • Schätze von Chögyur Lingpa (Chökling Tersar)
  • Longchen Nying Thig (System von Longchenpa und Jigmed Lingpa)
  • Nördliche Schätze (Byangter, von S. H. Chhimed Rigdzin Rinpoche)
  • Schätze von Pema Lingpa (von Gangteng Tulku Rinpoche und Lama Chhimi)
  • Bum Nag (ältester Kila Kommentar von Padmasambahva selbst)

Ich bin gern bereit, ausführliche mündliche Instruktionen zu allen diesen Kila-Übertragungslinien zu geben, Kontakt.

Eine sehr wichtige Übersetzung von Martin Boord, wird hier angeboten. Dieses Buch, eine Übersetzung des "Bum Nag" und anderer Kila-Texte, enthält eine gewaltige Menge von Detailinstruktionen zur Kila-Praxis, wir versuchen Jahr für Jahr mehr von diesen Lehren in die Praxis umzusetzen.

Alle heute existenten tibetischen Vajrakila-Linien beruhen darauf, dass Padmasambhava die Kila-Lehren nach Tibet gebracht hat, und damit auf dem Kommentar "Bum Nag". Das gilt auch für die Kila-Lehren der neuen Schulen (Sakya, Kagyü, Gelug), diese haben im Gegensatz zu vielen der Nyingma-Richtung exklusiv gehörenden Tantra-Zykeln die Kila-Praxis in ihren Kanon aufgenommen, weil die Bedingung erfüllt ist, dass ein Sanskrit-Text existiert. (Das ist bei vielen anderen Nyingma Tantras nicht der Fall).



Der persönliche Phurbu von Chhimed Rigdzin Rinpoche, unserem Meister der großen Kila-Übertragung aus den nördlichen Schätzen.
Quelle: Khordong.de